Folgende email ging am 12.9. in der polowelt-Redaktion ein:

In Hamburg fliegen derzeit die Poloschläger

Podolski Finanzminister durch Elfmeterschießen? Absurd! Aber es hat Zeiten
gegeben, in denen politische Spitzenämter primär auf Grund sportlicher
Leistungen vergeben wurden. Dabei ging es um eine Sportart, die heute ein
illustres Nischendasein führt, aber in der chinesischen Tang-Dynastie
jahrhundertelang das Maß aller Dinge war, und auch Prüfstein für die
Rüstigkeit der Beamten: Die Rede ist vom Polospiel. Polo hatte zu dieser
Zeit fast die Bedeutung einer Staatsreligion. Wer sich durch
vorausschauendes Denken, Schnelligkeit, Durchsetzungsvermögen und Fitness
auf dem Poloplatz auszeichnete, dem traute man auch fähige Staatsführung zu.
Wer nachließ, wurde degradiert oder verabschiedet.

Entstanden war "Pulu" aus einem wilden afghanischen Reiterspiel mit
Massenbeteiligung. Die Funktion der toten Ziege, die dabei durch die Steppe
geschleift wurde, hat inzwischen ein 130 Gramm schwerer Ball übernommen, der
nach einem guten Schlag Geschwindigkeiten um 150 km/h erreichen kann. Und
statt Dutzender Hirten sind in der Neuzeit nur noch vier Spieler pro
Mannschaft auf dem Platz, der so groß sein kann wie sechs Fußballfelder.

Was kaum jemand weiß: Polo ist die Urform sämtlicher Sportarten, bei denen
auf und um Tore gespielt wird.

Zur Zeit läuft in Deutschland (nahe Hamburg) die Rolex European Polo
Championship, die alle drei Jahre stattfindende EM der wilden Reiter.

Turmhoch über allen anderen ca. 120 Ländern, in denen Polo gespielt wird,
thront Argentinien mit über 20.000 aktiven Spielern und einer entsprechend
hochkarätigen Spitze. Im Land des Tango ist Polo ein echter Volkssport,
allein in Buenos Aires gibt es 65 Spielanlagen, zu Spitzenspielen kommen
zigtausend Besucher. Die Argentinier beliefern die ganze Welt mit Pferden
und Spielern, die teils mit zwei Pässen unterwegs sind. Die Deutschen rund
um Kirsch, die Kiesel, Bosch und Brühl heißen, fielen da zuletzt etwas ab,
spielen am Sonnabend nur noch um Platz fünf. England, Frankreich und die
überraschend aggressiv aufspielenden Schweizer sind jetzt die Favoriten auf
den EM-Titel. (Finale am Sonntagnachmittag, Veranstaltungsbeginn: 13 Uhr.)

Wenn das englische Team ins Endspiel kommt, wovon allgemein ausgegangen
wird, spekuliert die Szene auf Besuch aus dem Hause Windsor, das dem Polo
fest verschrieben ist. Prince Philip und Sohn Charles versuchten sich im
"Spiel der Könige" jahrzehntelang mit großem Elan, nun ist Prince Harry der
Star auf den Poloplätzen der Welt und der beste Spieler der Royals. "Er
hätte durchaus die Klasse, um hier mitzuspielen", sagt Guy Schwarzenbach,
der Spielmacher der Schweizer, der während der Schulzeit in Eton schon die
Schläger mit dem Blaublut kreuzte.

Der erste noch heute bekannte Polospieler war im Altertum Alexander der
Große. In der Neuzeit war Polo fünfmal olympisch, zuletzt 1936 in Berlin.
Hitler hatte dem deutschen Team damals die Verwendung argentinischer Pferde
untersagt. Mit notdürftig präparierten Hannoveranern wurden sie Letze und
Polo insgesamt kurz danach in Nazi-Deutschland verboten. Inzwischen steuert
der Weltverband unter dem Präsidenten Patrick Hermès eine Wiederaufnahme in
die olympischen Disziplinen an.

Polo ist in vielem erzkonservativ und bis in die Details der Ausrüstung
hinein naturbetont, ursprünglich. Technische Fisimatente gibt es nicht.
Fortschrittlich ist man dagegen in der Frauenfrage. Willkürlich gemischte
Mannschaften von Männern und Frauen gibt es schon seit ewigen Zeiten. Eva
Brühl, "die Zerstörerin" im deutschen Team, bewegt sich somit auf den Spuren
persischer Prinzessinen, die schon vor 2000 Jahren den Bambusschläger
schwangen.

So manches im heutigen Leben entstammt ursprünglich dem Polo, nicht jedoch
eines: das "Polo-Hemd". Bei diesem "T-Shirt aus Waffel-Piqué mit gestricktem
Kragen und Knopfleiste" handelt es sich um eine Erfindung des Tennisspielers
und Markengründers René Lacoste. Das Kleidungsstück hatte seit den dreißiger
Jahren  in zahlreichen Sport- und Freizeitbereichen - auch im Polo - längst
gewaltige Beliebtheit erlangt, als der amerikanische Bekleidungshersteller
Ralph Lauren 1972 erst die Bezeichnung als "Polo-Hemd" bekannt machte.


verantwortlicher Verfasser: polo2008@t-online.de / Peter Brauer